„Long Way Down“ von Jason Reynolds – Mit Poesie auf einer Fahrstuhlfahrt in die Abgründe der menschlichen Seele

Vor einiger Zeit hatte ich bei einem Gewinnspiel von dtv teilgenommen und unverhofft gewonnen. Die Frage, um die es ging, lautete: Was würdest du tun, wenn eine geliebte Person von dir ermordet würde? Wie würdest du Rache nehmen? Das fand ich enorm hart. Darüber möchte ich persönlich nicht nachdenken, aber in dem Buch von Jason Reynolds „Long Way Down“ geht es genau darum.

Klappentext:

Will ist entschlossen, den Mörder seines Bruders zu erschießen. Er steigt in den Fahrstuhl, die Waffe im Hosenbund. Er ahnt noch nicht, dass die Fahrt ins Erdgeschoss sein Leben verändern wird. Er denkt an Menschen aus seiner Vergangenheit, und was er mit ihnen erlebt hat. Es sind Erinnerungen und Geschichten voller Gewalt, Hass, Ohnmacht und Rache. All diese Menschen sind tot. Und Will muss sich fragen, was das für sein Leben bedeutet. Als er im Erdgeschoss ankommt, ist er sich nicht mehr sicher, ob er seinen Bruder tatsächlich rächen wird, weil es »die Regeln« so wollen. Oder kann er den Teufelskreis der Gewalt durchbrechen?

 Was passiert in „Long Way Down “?

Will hat seinen Bruder verloren. Sein Bruder wurde mitten auf der Straße erschossen. Und eine wichtige Regel, die er gelernt hat, lautet: Finde den, der getötet hat. Und töte ihn. Das ist eine der drei Regeln, die er befolgen muss. Dazu gehören auch noch Nicht zu weinen (Regel Nr. 1) und Niemanden zu verpfeifen (Regel Nr. 2). Der Verlust seines Bruders haben Will enorm getroffen. Er kann es kaum glauben, dass jemand ihn umgebracht hat, weshalb er natürlich vor Rachegelüsten überschäumt. Will ist sich auch sehr sicher, wer an dem Tod seines Bruders Schuld hat. Er schnappt sich die Waffe, die in der verkeilten Schublade seines Bruders lag und macht sich auf den Weg. Doch er wird im Fahrstuhl seines Hauses aufgehalten.

Der Titel „Long Way Down“ kommt daher, dass sich das gesamte Buch in diesem Fahrstuhl abspielt, der sich auf der Fahrt in die Lobby befindet. In jeder Etage steigen neue Passagiere hinzu und sprechen mit Will, obwohl eigentlich alle davon tot sind. Jeder von ihnen wurde ebenfalls ermordet und versucht Will davon abzuhalten, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Doch lässt sich Will von Vernunft lenken?

Das erste Gedicht:

Keiner Glaubt
heute mehr
irgendwas

drum hab ich
auch noch keinem
die Story hier erzählt.

Wahrscheinlich
wirst du sie auch nicht glauben
wirst denken
ich lüge
oder dreh durch
aber glaub mir

die Story ist wahr.

Sie ist mir passiert.
Ist wirklich passiert
Wirklich.
Echt so.
– Seite 9

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Wie hat mir „Long Way Down“ gefallen?

Ehrlicherweise wusste ich anfangs nicht, was ich mit diesem Buch anfangen soll. Wie ihr oben seht, ist das gesamte Buch in Versform geschrieben. Aber im Gegensatz zu anderen Büchern wird hier eine zusammenhängende Geschichte erzählt. Das habe ich so noch nirgendwo gesehen, weshalb ich echt verwirrt war.

Der Hintergrund der Geschichte ist traurig und wird von Jason Reynolds in der Danksagung touchiert. Er schreibt, dass er seinen Bruder vermisse und „RIP Bruder“. Also vermute ich, dass ihm die gesamte Situation so oder so ähnlich schonmal passiert ist. Das verleiht dem Buch eine persönlich Note, die ergreifend ist.

Der Protagonist Will war mir nicht sympathisch, das kann aber hauptsächlich daran liegen, dass er von Rache zerfressen wurde. Und obwohl seine Freunde/Familienmitglieder ihn versuchen von der Gräueltat abzuhalten, wirkt er stur und auf sein Ziel fokussiert.

SPOILER BEGINN

Was mich extrem stört, ist die Tatsache, dass der Leser nicht erfährt, was Will nun machen wird. Er steigt aus dem Fahrstuhl aus. Und dann? Das hat mir nicht so gefallen, obwohl ich natürlich weiß, dass es sich hier um ein rhetorisches Mittel handelt und dem Leser die freie Fantasie lassen soll.

SPOILER ENDE

Der „Handlungsverlauf“ ist teilweise vorhergesehen, da ich an gewissen Stellen erahnen konnte, wer denn jetzt noch in den Fahrstuhl steigt. Allerdings war die Interaktion der Charaktere dennoch spanend zu beobachten.

Durch die Poesie-Schreibweise wurde ich als Leserin durch dieses Buch getragen und war innerhalb eines Tages damit fertig. Das passt auch zu der kurzen Erzählzeit in dem Buch, da sonst die Handlung lediglich in die Länge gezogen worden wäre.

Schlussendlich weiß ich nicht, ob ich das Buch jedem Leser empfehlen würde. Es ist mal was ganz anderes. Es erzählt eine Geschichte voller Rache, Hass und Liebe gleichzeitig. Wer mal etwas neues ausprobieren möchte und auch bereit ist, über unmoralische Fragen nachzudenken, ist bei „Long Way Down“ richtig.

Liebe Grüße
Eure Lin


Informationen zu dem Buch „Long Way Down

Autor: Jason Reynolds
Titel: Long Way Down
Verlag: Reihe Hanser aus dem dtv-Verlag
ISBN 978-3-423-650311
Preis: 14,95€  für die Klappenbroschur
Seiten: 320

Ein Gedanke zu “„Long Way Down“ von Jason Reynolds – Mit Poesie auf einer Fahrstuhlfahrt in die Abgründe der menschlichen Seele

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