„Der Store“ von Rob Hart – Eine erschreckend reale Utopie

Was ein Schinken! Das habe ich gedacht, als ich das Buch in der Hand gehalten habe. Schon bei der LBM habe ich von diesem Buch gehört und war begeistert von der Geschichte. „Der Store“ soll aktuell und kritisch sein. Das wollte ich selbst herausfinden.

Klappentext:

Du bekommst alles im Store.
Aber es hat seinen Preis.

Der Store liefert alles. Überallhin. Der Store ist Familie. Der Store schafft Arbeit und weiß, was wir zum Leben brauchen. Aber alles hat seinen Preis.

Paxton und Zinnia lernen sich bei Cloud kennen, dem weltgrößten Onlinestore. Paxton hat dort eine Anstellung als Security-Mann gefunden, nachdem sein Unternehmen ausgerechnet von Cloud zerstört wurde. Zinnia arbeitet in den Lagerhallen und sammelt Waren für den Versand ein. Das Leben im Cloud-System ist perfekt geregelt, aber unter der Oberfläche brodelt es. Die beiden kommen sich näher, obwohl sie ganz unterschiedliche Ziele verfolgen. Bis eine schreckliche Entdeckung alles ändert.

»1984« und »Schöne neue Welt« waren gestern – die Zukunft von »Der Store« ist jetzt

Was passiert in „Der Store “?

Die erste Person, die der Leser kennenlernt, ist Gibson. Er ist der Chef und Gründer der größten Firma der Welt: Cloud. Cloud kann man sich wie ein riesiges Logistikzentrum vorstellen, bei dem man – ähnlich wie bei Amazon – alle möglichen Dinge bestellen kann. Diese werden dann per Drohne an die Haustür geliefert. In seinem Blog verkündet Gibson, dass er sterben wird. Gibson möchte einige Dinge klarstellen und den neuen Boss des Unternehmens ernennen. Daraufhin lernt der Leser die Protagonisten Paxton und Zinnia kennen. Die beiden bewerben sich für einen Arbeitsplatz bei Cloud. Aber so richtig begeistert sind beide nicht von ihrem möglichen Arbeitgeber. Paxton hat ein Produkt entwickelt: Das Perfekte Ei. Damit wollte er an den Markt, doch Cloud hat ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht, weshalb Paxton sein Unternehmen aufgeben musste und einen neuen Job braucht. Und Zinnia? Die hat ein komplett anderes Motiv, bei Cloud zu arbeiten. Sie wurde engagiert, um über die Energieversorgungsanlagen zu recherchieren. In geheimer Mission braucht sie einen neuen Namen, einen akzeptablen Hintergrund – der nicht auffliegt und am besten einen Job, bei dem sie genügend Freiheiten besitzt, um ihrem Auftrag nachzugehen. Nach einem Eignungstest und einem Einstellungsvideo haben die beiden es geschafft. Sie werden zur MotherCloud gebracht. Denn bei Cloud arbeitet man nicht nur. Cloud ist auch Wohnort sowie Freizeitort. Das gesamte Leben spielt sich in der künstlichen Anlage ab. In ihren „Schuhkartons“ – denn größer sind die Zimmer wirklich nicht – wird den beiden mitgeteilt, welche Stelle sie einnehmen werden. Paxton hat in der Vergangenheit in einem Gefängnis als Wärter gearbeitet, deshalb befürchtet er schon, dass er ein Blauer wird – Security. So kommt es leider auch, womit er überhaupt nicht zufrieden ist. Allerdings lebt er sich sehr schnell ein und wird von seinem Chef Dobbs anerkannt. Zinnia hätte sich ein blaues T-Shirt gewünscht, doch sie wird zur Roten. Das sind die armen Menschen, die den ganzen Tag in der Lagerhalle hin und her rennen und die Bestellungen zusammensammeln und aufs Förderband legen.
Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit bei Cloud ist das CloudBand. Eine SmartWatch, die nur nachts zum Laden abgenommen werden darf. Dort laufen Mitteilungen und Anweisungen zusammen. Es dient als Wegweiser und Überwachungsmöglichkeit. Das stellt Zinnias größtes Problem dar, da sie für ihren Auftrag ungern überwacht werden möchte. Lange grübelt sie herum und findet in Paxton jemanden, der ihr Insiderinformationen aus dem Securitybereich geben kann. Die Arbeit bei Cloud läuft allerdings nicht immer reibungslos ab und sowohl Zinnia als auch Paxton stoßen auf ungeahnte Probleme.

Der erste Satz:

„Tja, ich werde bald sterben!“
– Gibson, 1. Rekrutierung, Seite 11

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Wie hat mir „Der Store“ gefallen?

Ehrlich gesagt: Ich hatte ein wenig Angst vor diesem Buch. Zum einen ist das Thema hochaktuell und stellt viele Parallelen zum Internetriesen Amazon her – ohne ihn explizit zu erwähnen. Zum anderen wusste ich nicht, ob ich bereit bin für eine solche Gesellschaftskritik.

Zu allererst: Diese Geschichte spielt in der Zukunft. Es werden Anspielungen auf die Vergangenheit (unsere Gegenwart) gemacht. So könnte es vielleicht in ein paar Jahrzehnten aussehen und das macht das ganze Buch so gruselig.

Durch die Geschichte wird der Leser aus der Sicht von drei Perspektiven geführt. Gibson – der sich allerdings nicht sehr häufig meldet, Zinnia und Paxton. In diesem Buch hat der Perspektivwechsel auch gut funktioniert und war selten verwirrend. Die Personen hatten genügend Abstand voneinander und man konnte immer gut erkennen, wer gerade an der Reihe ist. Die Sprech-/Schreibweise der Protagonisten war auch sehr verschieden, sodass ich mir zu jedem einen Charakter vorstellen konnte.

Der Verlauf der Geschichte war für mich nicht wirklich vorhersehbar, da wir viel über den Alltag bei Cloud erfahren haben. Vielleicht wäre eine neutrale Erzählperspektive auch ganz interessant gewesen, um mehr über das System und die MotherCloud zu erfahren. Aber so haben wir natürlich „nur“ das erfahren, was die Protagonisten selbst erlebt haben. Zum Ende hin ist viel passiert, was man erst einmal verarbeiten musste. Dennoch hat mir der Handlungsverlauf sehr gut gefallen.

Das Design des Buches (Cover, Buchschnitt,…) sind grandios geworden. In der Uni wurde ich auch von einer Kommilitonin angesprochen, dass es ja wie ein Paket aussieht. Der Barcode mit den Händen, die nach Hilfe schreien, passt enorm zu der Geschichte, da die Mitarbeiter wie Gefangene behandelt werden.

Einen kleinen Kritikpunkt habe ich allerdings doch noch gefunden. Die Übersetzung bzw. einige sprachliche Ungereimtheiten. Zum Einen wurde der Titel meiner Meinung nach falsch gewählt. Der „Store“. Da dachte ich zu Beginn, dass die Firma auch so heißt. Der Originaltitel lautet „The Warehouse“. Ich denke, dass ich mit dem Titel schon eher mitgehen könnte. Außerdem waren einige Stellen in dem Buch im falschen „Fall“ geschrieben (jemand statt jemanden, usw.) und das hat mich schon irgendwie gestört. Das gibt dem Leser ja irgendwie eine falsche Grammatik mit auf den Weg und ein Buch sollte das nicht tun…

Diese Utopie und wie sich der Versandhandel entwickeln könnten, sind einschüchternd und beängstigend. Der große Unterschied, wie sich Gibson wahrnimmt und wie die Mitarbeiter seine Taten wahrnehmen, sind so weit auseinander, dass es schon fast an Größenwahn von Gibson sein könnte.

Schlussendlich war „Der Store“ – trotz seines misslungenen Titels – ein wirklich gutes Buch. Der Stoff des Buches wurde brillant von Rob Hart aufgearbeitet und in Szene gesetzt. Über die vielen Seiten habe ich mich kein einziges Mal gelangweilt. Ihr solltet euch nicht von der Dicke des Buches abschrecken lassen, denn ich bin dadurch geflogen und die Geschichte war schneller vorbei, als mir lieb war. Für Utopie/Dystopie-Fans mit dem Interesse an einem gesellschaftskritischen Roman definitiv ein Tipp!

Und hier könnt ihr euch das Buch noch einmal selbst ansehen oder gleich bestellen 😉

Liebe Grüße
Eure Lin


Informationen zu dem Buch „Der Store“

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Autor: Rob Hart
Titel: Der Store
Verlag: Heyne
ISBN 978-3-453-27230-9
Preis: 22€ für das Hardcover
Seiten: 592
Erschienen am: 02. September 2019

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